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Neue Löcher im Reaktor Fukushima

Neue Löcher im Reaktor Fukushima

Aus dem Atomkraftwerk Fukushima tritt erneut verstrahltes Wasser aus. Nach Reaktor 2 ist diesmal Reaktor 1 betroffen. Sorgen bereitet auch eine geplante Flutung von Reaktor 1. Greenpeace warnt, dass der Sicherheitsbehälter bersten könnte.

Arbeiter sind weiter Strahlung ausgesetzt

Tepco hatte am 17. April einen Krisenplan vorgelegt, wonach die Lage in den Reaktoren in sechs bis neun Monaten stabilisiert sein soll. Die Arbeiter sind derzeit weiter radioaktiver Strahlung ausgesetzt. So seien Arbeiter, die das Reaktorgebäude Nummer 1 betreten hätten, um Messgeräte zu justieren und Verbindungsrohre zu überprüfen, einer radioaktiven Belastung von 0,64 bis 8,72 Millisievert ausgesetzt gewesen, gab Tepco am Mittwoch bekannt. Die Arbeiten waren nötig, um ein Ersatzkühlsystem zu installieren. Zudem seien Einstellungen an einem Druckanzeigegerät des Reaktorbehälters vorgenommen worden.

Reaktor 2 konnte noch nicht betreten werden

Bisher sei jedoch niemand in der Lage gewesen, das Gebäude des Reaktors 2 zu betreten, berichtete Jiji Press weiter. Die Arbeiten am Reaktor 2, einschließlich des Abpumpens von verstrahltem Kühlwasser, lägen hinter dem Zeitplan. Tepco entschuldigte sich erneut dafür, dass noch immer zigtausende von Anrainern in Notlagern hausen müssen.

Das havariertes Atomkraftwerk Fukushima kommt Japan und den Betreiber Tepco teuer zu stehen: Die japanische Regierung will Tepco mit einem Milliardenbetrag vor dem finanziellen Ruin bewahren. In einen Spezialfonds will der Staat Anleihen im Wert von umgerechnet 43 Milliarden Euro transferieren, wie führende Politiker am Mittwoch sagten. Die Bonds könnten dann von Tepco in Bargeld umgewandelt werden, um die Opfer der Atomkatastrophe zügig zu entschädigen. Plänefür einen solchen Fonds waren im April bekannt geworden.

Gefährliche Atominvestitionen in Indien

Ungeachtet der Reaktorkatastrophe in Fukushima will Indien in einem Erdbebengebiet an der Küste neue Atomkraftwerke bauen. Der Komplex Jaitapur soll mit sechs Reaktoren der weltweit grösste Atomkomplex werden. Angesichts der Grösse des Projekts will die indische Regierung die Druckwasserreaktoren der französischen Firma Areva mit Hilfe von Banken wie BNP Paribas und HSBC finanzieren.

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Interview mit Dr. Pflugbeil

Dr. Sebastian Pflugbeil ist Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz in Berlin

Herr Dr. Pflugbeil, wir schätzen Sie die aktuelle Lage in Japan ein?

Pflugbeil: Die offiziellen Informationen aus Japan sind ziemlich widersprüchlich. Sowohl die Betreiber als auch die Regierung in Japan haben viel zu lange versucht, die Katastrophe herunterzuspielen. Selbst die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA), die normalerweise sehr zurückhaltend ist, artikuliert die momentane Situation schärfer als die Japaner selbst. Wenn man nach den Messungen der IAEA geht, müssten mehrere 100.000 Leute aus diesem Gebiet weg! Inzwischen schwirren so viele Messdaten umher, dass man sie gar nicht sortieren kann. Leider kann man sich deswegen kein vernünftiges Bild machen, was in Japan wirklich los ist. Aber eines ist sicher: Mit den Evakuierungen liegen die Japaner deutlich hinter der Notwendigkeit.
Welche Gründe hat das?

Pflugbeil: Da ist zum einen diese schreckliche Tsunami-Geschichte, die offensichtlich noch immer große logistische Probleme bereitet. Sie erschwert, dass man mehrere 100.000 Menschen in andere Unterkünfte bringen müsste. Aber auch die zu evakuierende Bevölkerung selbst – vor allem die in den Dörfern und in den kleinen Städten – ist so stark an ihre Heimatstruktur gebunden, dass es ihr sehr schwer fällt, sich mit einer Evakuierung anzufreunden.

Haben Sie das Gefühl, die japanische Bevölkerung ist ausreichend informiert?

Pflugbeil: Nein, überhaupt nicht. Es fehlt zudem der intellektuelle Vorlauf, sich bereits in der Vergangenheit mit Atomenergie kritisch beschäftigt zu haben. Atomenergie war dort bis jetzt immer eine blitzsaubere Angelegenheit und der Glaube an die technische Zuverlässigkeit in Japan war sehr groß. Nun ist die Zeit natürlich zu knapp, um diese Defizite nachzuholen – selbst unter studierten Leuten. Der breiten Bevölkerung in Japan fehlt das Wissen über das kleine Einmaleins der Atomkraft. Deswegen fällt es ihnen so schwer, eine kritische Distanz einzunehmen und vernünftig zu reagieren.

Eine erweiterte Aufklärung der Bevölkerung ist das eine. Doch was müsste nun außerdem in Japan unternommen werden, um die Lage zu verbessern?

Pflugbeil: Was man dringend braucht, um systematisch Evakuierungen durchzuführen, wäre eine möglichst genaue Kartierung der Umgebung, was die Strahlenbelastung angeht. In Russland wurden damals beispielsweise Flugzeuge eingesetzt, die die Umgebung streifenweise abgeflogen sind und aus der Luft die Bodenbelastung messen konnten. So hatten sie bereits nach wenigen Tagen eine ziemlich genaue Karte der Strahlenbelastung. Für Japan gilt ebenfalls: Erst wenn man die Situation genau kennt, kann man auch gezielte Konsequenzen – unter anderem in Form von Evakuierungen nach Dringlichkeit – ziehen.

Wie steht es denn um die Arbeiter vor Ort?

Pflugbeil: Die Einsatzbedingungen in Fukushima sind ziemlich schlimm. Der Umgang mit den Leuten auf der Anlage selbst ist mehr als fragwürdig. Die sind in den ersten Wochen nach dem Unfall behandelt worden wie Dreck. Sie mussten in den Hallen auf Decken direkt neben den Reaktoren übernachten, hatten nur schlechte Verpflegung, viel zu wenig Gasmasken, ungeeignete Schutzanzüge und keinen Kontakt zu ihren Familien. Es wurden und werden auch immer wieder Obdachlose als Arbeiter eingesetzt. Wobei man fairerweise sagen muss, dass das fast in allen Atomstaaten ähnlich praktiziert wird. Man will die hochqualifizierte Stammmannschaft möglichst wenig der Strahlenbelastung aussetzen. Für die „Dreckarbeit“ holt man sich lieber Leiharbeiter von der Straße. Über diese Tatsache wird aber kaum geredet. Hier nicht und in Japan sowieso nicht.

Der AKW-Betreiber Tepco hat sich einen Zeitplan gesetzt: Innerhalb von drei Monaten  möchte man die Reaktoren wieder zuverlässig kühlen und in neun Monaten wieder die volle Kontrolle über die Anlage haben. Ist das realistisch?

Pflugbeil: Da bin ich sehr skeptisch. Bisher haben Voraussagen nie gestimmt und keine Maßnahme hat geklappt, die sie ergriffen haben. Es wird nach wie vor täglich kubikmeterweise radioaktiv hochkontaminiertes Wasser in den Pazifischen Ozean abgegeben. So ein Vorfall wurde natürlich in keinem Handbuch so beschrieben. Man kann deswegen nicht sicher sagen wie es weitergeht. Fest steht nur, dass sich die Reaktoren selbst zerstören.

Wie unterscheidet sich Fukushima von Tschernobyl?

Pflugbeil: In Tschernobyl lief alles viel schneller ab. Es gab eine Kernexplosion und einen Graphitbrand, der wie Briketts loderte. Die Kernexplosion und der Graphitbrand haben den radioaktiven Inhalt ziemlich schnell und ziemlich hoch in die Atmosphäre geblasen. Zwei Drittel des radioaktiven Ausstoßes wurde über der gesamten Nordhalbkugel verschmiert. Nur ein Drittel ist über der Tschernobyl-Region runtergekommen. Das war für die Russen natürlich gut. Für uns war es schlecht.

Und in Japan?

Pflugbeil: In Japan ist das nicht so. Da hat es bisher keine Kernexplosion gegeben und wahrscheinlich wird es auch keine geben. Das liegt an einer anderen Reaktorkonstruktion und einem anderen Ablauf des Unfalls. Es gibt auch kein Graphit, das brennt. Der radioaktive Ausstoß steigt somit nicht hoch, sondern bleibt flach. Fast der gesamte Ausstoß kommt deshalb über Japan nieder. Die Bevölkerungsdichte in Japan ist natürlich auch noch einmal eine ganz andere als in Tschernobyl. Japan ist viel dichter besiedelt. Auch in der Gegend, wo das passiert ist.

Wie sieht denn Ihre Prognose aus?

Pflugbeil: Beides zusammen – die hohe Bevölkerungsdichte und das stärkere Auftreffen von dem Fallout im Radius von wenigen hundert Kilometern – lässt eine Prognose über die Gesundheitsschäden zu, die nicht besonders gut aussieht. Die Strahlenbelastung wird in den nächsten Monaten weiter zunehmen. Wie weit das geht, kann man natürlich noch nicht so richtig sagen. Für so einen Fall gibt es einfach noch keine Erfahrung. Sicher ist, dass sich dort vier Reaktoren alleine zerstören und dass auf dem Gelände außerdem noch abgebrannte Brennelemente aus 15 Jahren aufbewahrt werden, die jetzt ebenfalls Gefahr laufen, kaputt zu gehen. Wir haben in Japan damit ein vielfach höheres Potenzial an radioaktivem Inventar, welches nach außen drängt. Wie das zeitlich abläuft, ist schwer kalkulierbar. Ich befürchte aber, dass es zukünftig ernsthafte gesundheitliche Probleme in dieser Region geben wird.

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Mai 12, 2011 - Posted by | Uncategorized | , , , , , ,

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